Farewell to the King
Jetzt tobt die Schlacht der Boulevard-Blätter schon seit Tagen in vollem Ausmaß - doch so richtig "angekommen" ist die Nachricht irgendwie nicht bei mir. Jacko ist tot. Der King of Pop hat abgedankt. Für immer. Gerechnet haben wir wohl alle damit. Irgendwann. Aber trotzdem kommt die Nachricht doch irgendwie überraschend. Nun bin ich zugegebenermaßen nie ein euphorischer Anhänger von MJ gewesen, erst recht nicht in den vergangenen Jahren, als mir das Leben des Mega-Stars immer bizarrer und grotesker erschien. Doch heute (an einem lauschigen Sommerabend bei einem Glas Rotwein...) schweifen die Gedanken zurück. In die seligen 80er Jahre. Auf den Pausenhof des Gymnasiums. Dort, wo mir Schulkollege Guido mit leuchtenden Augen von seiner neuesten Errungenschaft erzählte. Einem Album namens "Off the Wall" von einem gewissen Michael Jackson. Zu der Zeit war "Thriller" längst ein vielbeschriener Meilenstein, mit dem ich mich zum damaligen Zeitpunkt zugegebenermaßen noch nicht intensiver befasst hatte. Einzig das Grusel-Video, das nur im Nachtprogramm des NDR gezeigt wurde, war irgendwie (wenn auch nur bruchstückhaft) präsent. Gesehen habe ich dieses Epos erst viel später, und ich denke, auch bei vielen Freunden und Mitschülern, die damit prahlten, Augenzeuge dieser visuellen Horror-Attacke gewesen zu sein, war wohl eher der fromme Wunsch Vater des Gedanken. Doch zurück zu "Off the Wall": am nächsten Tag hielt ich das BASF-C90-Chrome-Tape mit der frisch überspielten Aufnahme in meinen Händen. Cassetten-Kopien - das war unsere Form von "Napster", die einzige Möglichkeit an teure Scheiben zu kommen, die unser schmales Taschengeld-Budget gesprengt hätten. Handschriftlich bekritzelte Cover, im Idealfall schrieb der Kopiermeister ogar noch die genauen Spielzeiten der Titel hinzu. Herrlich. Als das Tape am Nachmittag durchgenudelt war, war ich, gelinde gesagt, etwas enttäuscht. Vielleicht war das alles zu overproduced für mich, zu glatt, zu soft, zu schrill. Doch eines blieb hängen: diese ultra-coole und lange Performance von "Don´t stop till you get enough". Selbst ein eingefleischter Rock-Fan wie ich spürte die besondere Magie und Power, die von diesem Song ausging. Im Verlauf weiterer Tausch-Aktionen und bei späteren Klassen-Fahrten war es dann das Knaller-Album "Bad", das für Furore unter uns Pennälern sorgte. Wobei man sich einer Sache klar sein muss: belächelt hat man ihn immer, diesen schwarz-weißen Giftzwerg mit den durchgeknallten Fantasie-Uniformen und der herrlich Piepsstimme. Doch was seine musikalische Kreativität und Show-Talent anging - die waren über jeden Zweifel erhaben. Zumindest bis zu den frühen 90er Jahren, als sich dann auch ein vermeintlich unfehlbares Genie wie Jacko den ein oder anderen Fehltritt erlaubte. Wenig später habe ich MJ dann aus den Augen bzw. Ohren verloren.
Und jetzt nun die Nachricht von seinem Tod. Ich habe Fans gesehen, die in Interviews davon sprachen, dass mit ihm nun auch ihre Jugend gestorben sei. Ich kann sie gut verstehen. Ein ähnlich einschneidendes Erlebnis habe ich als Queen-Fan mit dem Ableben von Freddie Mercury selbst erfahren. Was in einer solchen Situation tröstet: vielfach ist es erst der Verlust, der deutlich macht, was für ein Talent da für immer gegangen ist. Und leider ist es bei Michael wie bei vielen anderen, die zu früh gegangen sind: sie sind - zumindest für die Plattenfirmen oder Managements - tot mehr wert als lebendig. Kurt Cobain, Michael Hutchence, James Dean, Marilyn Monroe sind wohl die bekanntesten Beispiele dafür.
Am Dienstag heißt es endgültig Abschied nehmen vom "King of Pop". Standesgemäß wird dieser Abschied mit großem Bromborium gefeiert. Ob der Mensch Michael Jackson diesen ganzen Wirbel trotz aller exzentrischen Züge gemocht hätte? Ich bezweifle es. Doch er kann sich nicht wehren und so gerät die Trauerfeier noch einmal zum großen publikumswirksamen Show-Event, eine Totenmesse für einen (im besten Sinne des Wortes) Traumtänzer, wie ihn die Welt wohl so schnell nicht wieder sehen wird. Und vielleicht findet der Ärmste erst jetzt die Ruhe, die ihm in zuletzt nur noch hochdosierte Cocktails ermöglicht haben.
Rest in Peace, King of Pop! Und ich werde jetzt erstmal in meiner alten Holzkiste nach Guidos "Off the Wall"-Tape suchen...
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