Spielabbruch in der Verlängerung...

"Komm, Bremen! Tanzen!" - wie ein Derwisch fegt Herbert Grönemeyer über den Laufsteg, wackelt mit den Hüften und zuckt wie eine Marionette unter Starkstrom irre auf der Stelle herum. Bei Hape Kerkelings "Let´s dance"-Show hätte Herbie den Einzug ins Finale sicher nicht geschafft, aber vor den rund 30.000 Fans im Bremer Weser-Stadion gab´s Bestnoten in Form von frenetischem Jubel. Die Hansestadt war am Montag letzte Station auf der Deutschland-Tournee des Sängers, der mit dem Album "Zwölf" derzeit in den Charts steht.

Stimmungsvoll und ungewohnt ist der Auftakt: Wo viele Acts auf akustische und optische "Blendgranaten" setzen, bleibt Grönemeyer simpel. Um 20.30 Uhr setzt er sich ans Keyboard und spielt die schlichte Ballade "Leb´ in meiner Welt" von der neuen CD. Doch die Beschaulichkeit hält nicht lange an: bei "Kopf hoch, tanzen!" springt der Sänger wie ein Gummiball über die Bühne und absolviert - selbst für Werder-verwöhnte Zuschauer - ein beachtliches Laufpensum.

Anschließend geht´s durch den eigenen Hit-Katalog: Gassenhauer wie "Musik, nur wenn sie laut ist" und "Alkohol" wechseln ab mit Schwergemütern wie "Stück vom Himmel" oder "Halt mich". Die exzellente Begleitband und ein kleines Streicher-Ensemble leisten sich an diesem Abend keine Ausfälle. Die Titel des neuen Albums beweisen ihre Live-Qualitäten und alte Klassiker, wie etwa "Was soll das" oder "Alkohol", überraschen durch ein neues, rohes Arrangement. Auffällig ist: Grönemeyer hetzt zum Teil durch die Nummern, seine Knödel-Stimme hastet der Musik manchmal weit voraus. Gerade bei der Feuerzeug Ballade "Der Weg" macht sich diese Hektik störend bemerkbar.

Das Bremer Publikum kommt erst langsam in Wallung. Spätestens bei "Bochum" ist aber auch das letzte Eis getaut: Grönemeyer lamentiert über eine 0:6-Niederlage des VfL gegen Werder Bremen - und hat Lacher und Sympathien auf seiner Seite. Unterm Strich jedoch scheint die Euphorie, die der Sänger noch vor vier Jahren in der Stadt entfacht hatte (zweimal ausverkauftes Stadion), etwas abgeebbt zu sein. Das mag am neuen Album liegen, das dem Vorgänger und Platin-Seller "Mensch" eben nicht ganz das Wasser reichen kann, vielleicht aber hat der Sänger auch als Missionar etwas den Bogen überspannt.

Auch in Bremen gefällt sich Grönemeyer als Botschafter der globalen Idee: Der Initiator des Rock-Gipfels in Rostock, der vor zwei Wochen parallel zum G8-Gipfel stattfand, geht auf die Ausschreitungen einiger radikaler Demonstranten ein, relativiert aber gleich: "Ist es nicht auch Gewalt, wenn man Menschen nicht hilft?" - eine Anspielung auf den Song "Marlene". Darin geht es um eine HIV-infizierte Frau in Afrika, die weiterleben darf, weil sie ein entsprechendes Medikament bekommt. Ihr Mann dagegen muss sterben, "die Dosis hat nur für einen gereicht". "Menschen sterben, weil Regierungen kein Geld für Medikamente bewilligen", bringt Grönemeyer die Problematik auf eine einfache, vielleicht zu einfache, Formel.

Nicht alle Zuschauer mögen´s politisch auf einem Rockkonzert, aber der Sänger lässt es damit auch bewenden und mimt wieder den Tanz- und Gute-Laune-Bär. Bei "Männer" lässt er den Macho heraushängen, greift sich in den Schritt und röhrt den Song wie ein Hirsch in der Brunftzeit.

Das orchestrale "Liebe liegt nicht" vom neuen Album bildet den Abschluss des ersten Konzertteils. "Kennt das hier keiner in Bremen?", fragt Grönemeyer irritiert, als kaum einer beim Refrain einstimmt. Erst ganz zaghaft, dann immer lauter wird der Chor. "Liebe schmeißt nicht ständig Reis, aber sie macht Dich leicht", tönt es aus zigtausenden Kehlen und Grönemeyer frohlockt: "Ja, das ist Lyrik!".

Weiter geht´s mit "Was soll das?" und "Zum Meer". Die Menge skandiert: "Oh, wie ist das schön!". Dann im Zugabenteil das jähe Ende: gerade ist mit dem böse-bissigen "Selbstmitleid" ein weiterer Höhepunkt verklungen, da verschwindet der Sänger erneut hinter der Bühne und kehrt erst nach einiger Zeit wieder zurück. Er fühle sich etwas "eierig", entschuldigt er sich und kämpft sich durch das Schlaflied "Zur Nacht". Nach knapp über zwei Stunden ist dann "Zapfenstreich" in Bremen. Das Stadion hat sicher schon so manches "Golden Goal" erlebt, doch keines dürfte so unwillkommen wie dieses gewesen sein: Herbie hat auf die "Zwölf" bekommen, Spielabbruch in der Verlängerung...
Kai-Uwe Hanken (RZ)

Setlist:
1. Leb´ in meiner Welt
2. Kopf hoch, tanzen!
3. Stück vom Himmel
4. Musik, nur wenn sie laut ist
5. Halt mich
6. Bochum
7. Alkohol
8. Marlene
9. Ohne Dich
10. Spur
11. Der Weg
12. Mensch
13. Bleibt alles anders
14. Männer
15. Liebe liegt nicht
16. Demo (Letzter Tag)
17. Was soll das?
18. Zum Meer
19. Land unter
20. Du bist die
21. Selbstmitleid
22. Zur Nacht

 

Turn it on again

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Vor rund 50.000 Fans drehten Collins und Co. gestern Abend in der AWD-Arena in Hannover mächtig auf: zweieinhalb Stunden spielten sich "Genesis" durch nahezu alle Hits ihrer fast vier Dekaden umspannenden Karriere. Dabei geizten sie auch nicht mit altem Material. Eine ausgeklügelte Sound- und Lightshow machte das Konzert zum Multimedia-Spektakel der Superlative.

Hier die Setlist (ohne Gewähr!):
1. Behind the Lines/Duke´s End
2. Turn it on again
3. No Son of Mine
4. Land of Confusion
5. In the Cage/The Cinema Show/Duke´s Travels/Afterglow
6. Hold on your Heart
7. Home by the Sea
8. Follow you, follow me
9. Firth of Fifth
10. I know what I like
11. Mama
12. Ripples
13. Throwing it all away
14. Domino
15. Drum Duel
16. Los Endos
17. Tonight, Tonight, Tonight
18. Invisible Touch
19. I can´t dance
20. The Carpet Crawlers

 

Bacchus-Freuden

Erster Urlaubstag im lauschigen Winzerdörfchen. Wir möchten den Abend stilvoll bei einer Flasche Rebensaft ausklingen lassen und besorgen uns fürs abendliche Mahl eine Pulle Rotwein aus dem Discounter (nicht so stilvoll...). Offenbar wollte uns der Gott des Weines für diesen Frevel umgehend strafen: in der gesamten Ferienhütte ließ sich partout kein Flaschenöffner auffinden. Wir sahen bereits die Bacchus-Freuden den sprichwörtlichen Bach hinunterdümpeln - da entdeckte ich in einer entlegenen Ecke des Besteckkastens doch noch einen Korkenzieher. Triumphierend entferne ich die Zellophanhülle am Flaschenhals - um frustriert festzustellen, dass sich darunter ein Schraubverschluss befindet...
 
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