Gefahr im (Ver-)Zug
Kennen Sie das Gefühl?
Sie kommen in einen Raum und spüren sofort, dass Ärger im Verzug ist. Die Präsenz bestimmter Menschenschläge lässt bei mir immer alle Alarmglocken klingen - leider meist erst dann, wenn es bereits zu spät ist...
Ich machte mich gerade auf dem Heimweg von meinem London-Ausflug und enterte vollbepackt die U-Bahn. Aus dem Augenwinkel nahm ich eine vierköpfige Familie wahr und spürte sofort, da stimmt irgend etwas nicht. Statt auf meine innere Stimme zu hören und mich in ein benachbartes Abteil zu verkrümeln, setzte ich mich - wie auf dem Präsentierteller - zwischen diese Gruppe. Im selben Moment begann plötzlich eines der Kinder wie von Sinnen mit einer Zeitung auf sein Schwesterlein einzuprügeln - was vom Herrn Vater nur mit einem meckernden Lachen quittiert wurde. Der gute Mann schien mir ohnehin von einem besonderen Schlag zu sein. Bulliger, südländischer Typ mit einer sehr kommunikativen Ader. Die äußerte sich darin, dass er ungefragt irgendwelche Fahrgäste anquatschte, launige Bemerkungen über deren Frisur vom Stapel ließ oder sonstigen Unfug trieb. Die strafenden Blicke seiner Frau beeindruckten ihn dabei wenig. Auch die Tatsache, dass zunehmend Fahrgäste, die von ihm angesprochen worden waren, fluchtartig das Abteil oder gar die Tube verließen, wies den Herren als einen ganz besonderen Menschenschlag aus.
"He, you! Do you speak English?" - die Frage ließ mich erschreckt zusammenzucken. Ich hätte diese "Konversation" mit hilflosem Achselzucken oder murmelnden Äußerungen schnell beenden können, aber leider bin ich nun mal ein höflicher Mensch und nickte eifrig. Der Mann fragte mich, an welcher Station er aussteigen müsse, um ein bestimmtes Museum zu besuchen. As ich ihm die gewünschte Auskunft gab, bedankte er sich überschwänglich, schüttelte meine Hand und fragte nach meiner Herkunft. Seine Miene erhellte sich: "Ah! Germany! Wie geht es?", warf der Mann augenzwinkernd seine ganzen Deutsch-Kenntnisse in den Ring, um Eindruck zu schinden. Ich lächelte höflich.
Leider bemerkte ich erst während der weiteren Fahrt, dass der Mann auf dem falschen Dampfer war bzw. im falschen Zug saß. Er hätte nämlich die U-Bahnlinie wechseln müssen, um zur besagten Museumsstation zu kommen. Ich beschloss, meinen Lapsus stillschweigend zu übergehen und weiter den Ahnungslosen zu mimen. Doch leider hatte ich die Rechnung ohne meine Mitfahrgäste gemacht - einer von ihnen löste sich entschlossen aus der Menge, trat auf den "Tube-King" zu und wies ihn auf den Fehler hin. Schlagartig verfinsterte sich seine Miene und bohrende Blicke trafen mich.
Das war´s also. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich von einem Stilett-Messer hübsch filetiert auf dem Boden des Abteils liegen. Und eine schluchzende Oma erklärt dem Officer mit tränenerstickter Stimme: "Er hat ihm die falsche Station genannt!".
Doch die Underground-Götter waren auf meiner Seite. Der Zug hielt - just an einer Station, die eine günstige Anbindung an das Museum versprach. Die "Petze" wies den verirrten Fahrgast auf diese Möglichkeit hin und er entschwand mit seiner Familie und mit lauten Flüchen aus dem Zug.
Ich war gerettet...
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